20.11.2017
Die barmherzigen Tröchtelborner

Die Tröchtelborner haben einmal in alter Zeit, getrieben von ihrem guten Herzen, einen Irrtum mit ihrem Gothaischen Nachbarstaat verursacht, der leicht zu bedenklichen Zuständen hätte führen können.

Aber es ist alles gut gelaufen, wobei Sachsen Gotha von einem Eingriff in seine Militärhoheit sprach. Tröchtelborn stand zu der Zeit, übrigens bis 1952, unter Erfurter (preußischer) Herrschaft und Bienstädt, welches viel näher an Erfurt liegt, unter Gothaischer Herrschaft.

Es war zu der Zeit, da der große Preußische König den zweiten Schlesischen Krieg begonnen hatte. Damals, anno 1744, war auch dem Gothaer Herzog Friedrich jeder Rekrut kostbar. Hieß es doch höllisch aufpassen, dass andere Werber nicht die gut gewachsenen Kerle aus dem Land holten, man konnte schließlich keinen Mann entbehren.

Nun meldete Leutnant Gerlach einen ganz unerhörten Fall aus Tröchtelborn. Auf Verlangen des fürstlichen Amtes zu Tonna, habe er am Tage zuvor einen Korporal und drei Mann nach Bienstädt kommandiert, um den Gothaischen Untertan Christian Ruge zu arretieren, weil er seiner Stellungspflicht als Rekrut nicht genügt habe. Anstatt den besagten Ruge aber nach Gotha einzuliefern, habe er ihn in Tröchtelborn lassen müssen. Generalmajor Seebach, welcher die Meldung entgegen nahm, kreuzte schon im Geiste mit dem Statthalter von Erfurt die Klinge.

Leutnant Gerlach berichtet weiter: Ruge kannte wohl den kürzesten Weg von Bienstädt nach Gotha, ihm war auch bekannt, dass Tröchtelborn preußisch war.  Als genanntes Kommando gestern Mittag mit dem arretierten Ruge bei Tröchtelborn vorbei marschierte, legte er sich platt auf die Erde und erklärte nicht weiter gehen zu wollen, er stehe jetzt unter preußischem Schutz. Man möge ihn in die Schenke bringen. Daraufhin versuchte ich ihn hochzukriegen und mitzuschleifen, aber der Kerl schrie wie am Spieß. Daraufhin versammelten sich allerlei Dorfbewohner um uns. Plötzlich schrie einer: „Er blutet, der Arme.“ Und nun entstand ein allgemeines Wehklagen und Bedauern. Die Leute riefen durcheinander: „In die Schenke mit ihm zum Verbinden, holt den Bader“.

Daraufhin sind die Kommandierten, halb geschoben und gedrängt, mit Rugen in die Schenke gegangen. Der Oberheimbürge (Bürgermeister) und der Schulmeister mischten sich in der Schenke in die Sache und erklärten, dass sie den Ruge nicht weglassen, er stände unter Erfurter Schutz und wir müssten ihn den Kaiserlichen lassen. „Die verzwickten Staatsgrenzen!“ rief von Seebach verzweifelt. „Muß das Tröchtelborn sich zwischen Gotha und Erfurt klemmen! Der Kuckuck soll es holen!“ Der Oberheimbürge schrie mich an und erklärte mir: „Mer geb`nen ihnen nech, Herr Leitnant, un wenn se sech upp`n Kopp stellen. Su unbarmherzich sin mer Tröchtelborner nech, dass mer enen armen Kerl, der sich unner unsern Schutz stelle tut, verlasse solle. Har mit dem armen Luder. Erscht wenn der Befehl von unserm Statthalter us Erfort vorlicht, wird der Arrestant freigegeben.“ Zur Vorsicht ließ ich die Gothaische Wache in Tröchtelborn. Damit gab ich zu verstehen, dass wir Gothschen auf unseren Anspruch auf den Rekruten Ruge aus Bienstädt nicht verzichten. Generalmajor Seebach nahm diese Meldung so entgegen und setzte humoristisch hinzu: “Herr des Himmels, der Korporal und die drei Mann, bestimmt auch der Rekrut Ruge, werden sich unterdessen in der Schenke schön voll saufen.“ Leutnant Gerlach widersprach dem nicht.

Der Fall gelangte vorschriftsmäßig an den Serenissimus auf dem Friedenstein, der wiederum ein fürstliches Schreiben an die Statthalterei nach Erfurt sandte worin ausgedrückt wurde, dass man in Gotha die alsbaldige nötige Verfügung zur „tugendsamen Auslieferung“ des Ruge erwarte. In dieser Erwartung täuschte man sich nicht, denn nach ein paar Tagen traf aus Erfurt die Antwort ein, den zurückgehaltenen Arrestanten auszuliefern. In „ehrablässiger Devotion“ wurde den hohen Gothaer Herren versichert, dass man es Erfurterseits an nichts habe ermangeln lassen, diesen „geringen Fehler“ zu verbessern.

Der Staat Gotha bekam seinen Rekruten Ruge wieder. Das Kommando konnte vor Schläfrigkeit und Kopfschwere kaum aus den Augen sehen, als es den Arrestanten auf der Gothaer Kommandantur ablieferte. Vor der Auslieferung des Rekruten stellten die Tröchtelborner noch die Bedingung, dass erst wenn die Zehrungskosten des Gothaischen Kommandos bezahlt sind, der Arrestant ausgeliefert wird. Leutnant Gerlach hatte an dem Tag nicht genug „Kleingeld“ bei sich um die Zehrungskosten seiner Leute zu bezahlen. Die barmherzigen Tröchtelborner gewährten jedoch Kredit und wurden nach einiger Zeit auf Heller und Pfennig bezahlt.

Mai Anno 1744