Der geheimnsvolle Grabstein

Was hat es mit jenem seltsamen Grabstein auf sich, der im Eingangsbereich der Kirche von Kleinfahner aufgestellt ist?

Das Rätsel
Früher stand er halb versunken am Eingang des Kirchhofes von Kleinfahner. Kaum leserlich die Inschriften, mit der eigentümlichen Darstellung einer Frauengestalt die ihre rechte Hand erhebt, während sie die linke auf einen Wanderstab stützt; auf dem Rücken trägt sie ein Bündel. Sowohl über ihrem Kopf wie rechts neben der Figur kann man verschiedene Gebäude erkennen.

Das Versprechen der Zauberin
Bis vor etwas mehr als hundert Jahren rankten sich Legenden und Aberglaube um diesen Stein, der bei den Kleinfahnerschen eine respektvolle Verehrung genoss. Es sei der Grabstein einer Zigeunerin, die einst todkrank auf dem Sterbelager den Wunsch geäußert haben soll, hier auf dem Kirchhof begraben zu werden. Aufgrund der Vorurteile der Bevölkerung gegenüber Ihresgleichen wurde ihr dieser Wunsch zunächst abgeschlagen. Erst als sie versprach, das Dorf bei einem ausbrechenden Feuer davor zu bewahren, dass Flammen auf Nachbargebäude übergreifen und ernsthaften Schaden anrichten, zeigte man sich verhandlungsbereit. Als die Zigeunerin betonte, das solches durchaus in ihrer Macht stünde und darauf verwies, schon einmal eine Feuersbrunst gedämpft zu haben, wurde ihr die Bitte gewährt.

War dies also die Erklärung für die bildliche Darstellung auf dem Stein:
Die beiden Ortschaften, die eine, nach der Flammenzungen? leckten, die andere unversehrt. Dann diese Frau, die eine Hand segnend, beschwörend, Einhalt gebietend erhoben? Auch konnte man in der Inschrift entziffern, dass hier eine Seerin =Seherin? = Zauberin bestattet lag. Und war es nicht auch so, dass in Kleinfahner, ganz im Gegensatz zu den Nachbardörfern ein Feuer, wenn es denn schon einmal ausbrach, nie ernsthaft um sich griff? Niemand durfte sich an dem durch die Überlieferung geweihtem Stein vergreifen, weil sonst dieser Frevel durch eine große Feuersbrunst gesühnt würde.  So blieb der Stein über die Jahrhunderte erhalten.
Die Inschrift - Ein Geheimnis wird gelüftet 1897 unterzogen die zu Besuch weilenden Neffen des damaligen Pfarrers den Grabstein einer eingehenden Untersuchung. So gelang es Ihnen auch die stark verwitterten Inschriften des Steins zu entziffern. Die in dem kleineren Oval gleich unter dem Relief lautet:
"Von Salzburg zieh ich aus-
Nach Zions Burg und Haus
Nun nicht nach Polnisch Preußen
Ins Land, das Gott verheißen."

In dem unteren größeren Blätterkranz verbarg sich die Wahrheit über die Identität der Toten:
"Hier kam zur Ruhe die Salzburger Emigrantin Maria Seerin, welche sich unter 800 in die 3 adel. Seebach-Gerichtsdörfer, besonders unter 200 hierher zum Nachtlager verweisten Personen, den 3. Sept. 1732 krank befunden und den 4. ejus auf der Fort-Reise mit guter Zubereitung selig verschieden ihres Alters 16 Jahr" Die weniger verzierte Rückseite des Steines verkündet, wie das vor Jahrhunderten üblich war den Text der Leichenpredigt: Ich bin beides, dein Pilgrim und dein Bürger, wie alle meine Väter.
Der Nach- und jungen Welt
Zum Denkmal sey gestellt,
Daß viel Salzburger zogen fort
Nur frei zu haben Gottes Wort
H.R.P.l."
Die Unterschrift weist auf den damals amtierenden Pfarrer: Hieronymus Reibstein, pastor loci (örtlicher Pastor).

Die Auflösung steht im Kirchenbuch: Jetzt, nachdem das Interesse für das Rätsel des Steines geweckt war, wurde auch das Kirchenbuch durchstöbert und im Totenregister von 1732 noch folgender ausführlicher Bericht des gewissenhaften Pastors Reibstein entdeckt: Maria Seerin eine Saltzburger Emigrantin aus der Pflege Merssen in Bischhofshofen, die nebst andern 800 an der Zahl, welche theils hier durch passiert nach Groß Fahner und Gierstädt, theils alhier pernoctiert (übernachtet), deren 200 gewesen, darunter auch ihre Eltern, ihr Stiefvater und rechte Mutter, befunden, angekommen, starb den 4. September als sie im Begriff war weiter zu reisen an der Schwindsucht, durch welche sie von langer Zeit her gantz ausgezehrt worden, im 16. Jahr  ihres Alters; wurde nach mit einer leichenPredigt in v. 1 ps. 39 beerdiget.

Verfolgt und vertrieben
Was war geschehen? Die Reformation hatte auch die Gebiete des heutigen Österreich erfasst. Auch das Salzburger Land war nach der Reformation zumeist evangelisch. Im Zuge der Gegenreformation gelang es der katholischen Kirche nach und nach wieder Boden zu gewinnen, auch durch Verfolgung und Vertreibung. Die eigentliche Bekämpfung und Verfolgung der Protestanten im Erz Stift Salzburg begann schon bald nach der Reformation und nahm je nach der Einstellung der jeweiligen Erzbischöfe stärkeren oder schwächeren Charakter an. Die härteste Bedrückung setzte aber ein, als 1727 der Freiherr Leopold Anton Eleutherius von Firmian den erzbischöflichen Stuhl des Hochstifts Salzburg bestieg. Dieser verstärkte den Druck der katholischen Machthaber.

Der Schwur
Die starke Unterdrückung und Verfolgung aber schloss die evangelischen Gläubigen in den stillen Tälern ihrer Salzburger Bergheimat nur noch fester zusammen. Es kam zu einer Art religiösem Rütlischwur im Sommer 1731 dem „Salz Bund“. In Schwarzbach verpflichteten sich die treuesten der Treuen gegenseitig, beim Evangelium treu bis zum Tode auszuharren. Erzbischof Firmian ging daraufhin in schärfster Weise vor, zumal sich die „Ketzer“ bei dem Reichstag in Regensburg und bei Kaiser Karl VI. beschwerten –leider vergeblich. „Lieber sollen Disteln und Dornen in meinem Lande wachsen, als noch ein einziger Evangelischer sich darin aufhalten“. Dieser überlieferte Ausspruch des Fürsterzbischofs von Salzburg verdeutlicht die Schärfe der Auseinandersetzungen um den „wahren christlichen Glauben“ Anfang des 18. Jahrhunderts.

Wegen ihres Glaubens vertrieben
Es folgte nach den traurigsten Verfolgungskämpfen das berüchtigte Emigrantenedikt vom 31. Oktober 1731, welches alle dem lutherischen oder reformierteen Bekenntnis zugehörenden Einwohner, mehr als 20000 kurzerhand aus dem Erzstift auswies. Der größte Teil, und 20000 Salzburger wurden daraufhin von dem preußischen König Friedrich Wilhelm I. auf Grund eines Patentes vom 2. Februar 1732 in Ostpreußen (Königsberg, Gumbinnen und Insterburg) angesiedelt. Auf dem Zug in ihre neue Heimat kamen die Salzburger auch durch unsere Heimat.

Ein wertvoller Fund
Der Pfarrer G. Zahn schreibt 1934 in einem Artikel für die Zeitschrift „ Der Salzburger; Mitteilungen des Ostpreußischen Salzburgervereins“ Nr. 53; Königsberg, 1. Jan. 1934: „Vor kurzem habe ich einen für die Geschichte Kleinfahners wertvollen Fund gemacht. In der Sakristei fand ich ...ein sog. „Pfarrerprotocoll“ vom Jahre 1682. Dort steht nun auch ein längerer Bericht über den Durchzug der ... Salzburger Emigranten im September 1732. Kurz vorher hatte ich auch in alten Gierstädter Nachrichten hierüber noch etwas gefunden. Zusammen mit Hinweisen in Urkunden des Kirchturmknopfes von Großfahner ergibt sich nunmehr folgendes Bild von jenem großen Geschehen, das man an unserer Fahner Höhe wie im ganzen Lande „nicht ohne sonderliche Bewegung angesehen hat.“ Schon in den Sommermonaten des Jahres 1732 kamen Salzburger über den Thüringer Wald. Davon erzählen uns interessante Berichte etwa aus Altenburg, Jena oder Gotha. Die Kunde hiervon hatte sich bis in die entlegensten Dörfer verbreitet, und überall waren die Gemüter sehr bewegt von dem harten Los dieser deutschen Glaubensbrüder. Überall regte sich der Wille zum Helfen. So wurde auch für das ganze Gothaer Land eine Haussammlung angeordnet, die ein starkes Echo fand. In Kleinfahner ist sie am 29. Juni gehalten worden. Sie erbrachte den großen Betrag von 12 Gulden und 11,5 Pfennigen. (für damalige Verhältnisse eine beachtliche Geldmenge. Anm. d. A.)

Die Salzburger kommen!!!
Und dann kam der 3. September, ein Mittwoch: Salzburger kommen zu uns! Zu 800 kamen sie über das Holz. Auf Befehl des Herrn Major von Seebach wurden sie am Wald in Empfang genommen und in feierlichen Zug eingeholt. Voller Dank klangen die Lieder auf: „Nun lob mein Seel den Herrn“, „Von Gott will ich nicht lassen“ und „Ein feste Burg“. Der damalige Pfarrer Reibstein hielt eine Bewillkommnungsanrede sonderlich über Vers 41 Psalm 119 „Herr, lass mir deine Gnade widerfahren, deine Hilfe nach deinem Wort“. Dann wurden 200 in Kleinfahner ins Quartier gebracht, 250 zogen weiter nach Gierstädt und die übrigen 350 nach Großfahner. Da sehr viele Kranke dabei waren, hielt man keine großen Feiern. Wohl aber wurden sie von den Einwohnern „wohl tractieret und leiblich versorgt.“ Am Morgen des 4. September, früh 7 Uhr, fand eine Betstunde und Katechisation statt. In Kleinfahner wurden die Lieder gesungen: „ Oh heilige Dreifaltigkeit“, „Erhalt uns deine Lehre“ und „Gott mein Trost und mein Vertrauen“.
Dann brachen sie auf in Richtung Gebesee. Als sie sich auf dem Anger sammeln wollten, starb in den Armen ihrer Mutter die 16 jährige Maria Seerin. Für das durch Schwindsucht ausgezehrte Mädchen waren die Strapazen zu groß geworden. Am Abend vorher hatte der Pfarrer sie schon besucht und sie „ so viel ihre Schwachheit zugelassen zum Tode präpariert.“ Sie wurde nun wieder zurück in ihr Quartier zu Hanss Kellnern vorm Thor gebracht und der Gemeinde zur Beerdigung von ihren Eltern, als welche sich nicht aufhalten konnten, überlassen. Am Sonntag darauf ist sie dann feierlich auf dem Kleinfahner Kirchhof beigesetzt worden. Ihr Grabstein redet noch heute seine ernste Sprache zu uns.

Pfarrer Reibstein schließt dann seinen Bericht: „Übrigens hat man der evangelischen Emigranten gründliche Wissenschaft in der evangelischen Wahrheit und ihrer gottseligen Wandel nach der selbigen zu bewundern, und Gott darüber zu preisen und zu bitten, dass sie uns alle einen guten Geruch zurück gelassen haben mögen, ihrem löblichen Exempel in Erinnerung eyfrigst nachzukommen. Die hiesige Gemeinde hat sich sonst ziemlich guttätig gegen sie bewiesen, und haben nicht alle Gliedmassen der selbigen solche ins Haus bekommen können, wie gerne sie gewollt (Hervorh. d. d. A.). Hilf Herr! daß wir wachsen in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn Jesu Christi. Amen.“

Jugendliche aus Kleinfahner schmücken Grab
Noch einmal ist in den alten Unterlagen etwas über den Grabstein zu erfahren. In einer weiteren Ausgabe der „ Der Salzburger; Mitteillungen des Ostpreußischen Salzburgervereins“ Nr. 61; Königsberg, 1. Jan. 1936 ist ein Brief der Konfirmanden von Kleinfahner an die Salzburger Konfirmanden in Ostpreußen abgedruckt:
"Liebe Salzburger Mitkonfirmanden, In Gedanken sind wir eben in Eurer Heimat gewesen. Im Lichtbild haben wir sie gesehen. Seitdem Euer Herr Pfarrer bei uns war, halten wir es so, dass wir Konfirmanden am Todestag der jungen Salzburgerin Maria Seerin an ihr Grab auf unserem Friedhof treten und es mit Blumen oder einem Kranz schmücken. Dann aber wollen wir Euch grüßen, auch wenn wir uns von Angesicht nicht sehen. Aber wir dürfen ja hier ein Stück Eurer Heimat und Eures Glaubens behüten. Wir grüßen Euch mit dem Wunsch, dass in Euren und unseren Herzen allzeit lebendig bleibe die Liebe zu unserer gottgeschenkten Heimat und der fröhliche Glaube, wie es in der Apostelgeschichte 8, 39 heißt. Damit Ihr seht wo wir wohnen, legen wir ein Bild von unserm Dorf bei.

Eure Mitkonfirmanden aus Kleinfahner: Oswald Koch, Helmut Stossyk, Rudi Schierschmidt, Karl Spielberg, Kurt Stehling, Irmgard Weigelt, Elfreide Kummrich, Hertha Lendrich“
Das ist die Geschichte die uns dieser Stein erzählen kann. Eine Geschichte von Not und Vertreibung, aber auch von Glaubensstärke, Hilfe und Neubeginn.